Was ist ein Harnwegsinfekt bzw. eine Cystitis/Blasenentzündung?
Wie kann der zur Untersuchung nötige Katzenurin gewonnen werden?
Wie wird ein Harnwegsinfekt bzw. eine Cystitis diagnostiziert?
Was ist ein Antibiogramm?
Was genau sollte beim welchem Labor beauftragt werden?
Wie wird eine Cystitis behandelt?
Kann es unter Antibiotikatherapie zu Resistenzen und damit zu Rezidiven (Wiederauftreten der Erkrankung) kommen?
Wie lange darf eine Antibiotikum-Therapie längstens dauern?
Sind Depot-Antibiotika mit wochenlanger Wirkung sinnvoll?
Was kann man gegen Harnsteine bzw. -kristalle tun?




Was ist ein Harnwegsinfekt bzw. eine Cystitis/Blasenentzündung?

Harnwegsinfekte inkl. Cystitiden (Blasenentzündungen) werden zu den Erkrankungen des unteren Urogenitaltrakts gerechnet - aus dem Englischen auch FLUTD genannt: "feline lower urinary tract disease". Häufig werden sie durch Bakterien verursacht, welche sich im Harn und der Schleimhaut der Blase vermehren. Beim Diabetiker begünstigen hohe Blutzuckerwerte eine bakterielle Infektion ebenso, wie ein geschwächtes Immunsystem, unter dem alle chronisch kranken Patienten leiden. Ab einem Blutzuckerwert von ca. 200 mg/dl wird Glukose über die Niere ausgeschieden. Somit enthält der Urin diabetischer Patienten - je nach Einstellungserfolg - ständig oder zumindest häufig Glukose, welche auch diversen Bakterienstämmen als Nahrung dient. Meist folgen die Bakterien einfach der "süßen Spur" und steigen von außen über die Harnröhre bis zur Blase auf. Fäkal- oder Hautkeime sind hier der häufigste Befund.

Die in der Harnblase von diabetischen Patienten vorherrschenden Bedingungen - Wärme, Feuchtigkeit und Glukose als Nährstoff - ähneln denen eines Labor-Brutschranks und sind somit optimal für bakterielles Wachstum geeignet. Eine umfassende Urindiagnostik ist deshalb schon bei der Diagnosestellung unbedingt anzuraten.
Weitere Kontrollen in mehrwöchigen Abständen sind auch nach negativen Befund sinnvoll, da diabetische Patienten aus den genannten Gründen prädisponiert für Harnwegsinfekte sind.
Wichtig: Beim diabetischen Patienten fehlen i.d.R. alle Symptome einer Cystitis. Eine sichere Diagnose kann deshalb nur über eine gezielte Harnuntersuchung (Nachweis der Bakterien, Bstimmung der Spezies und Menge, Antibiogramm) erfolgen.

Bei allen Infektionen wirken körpereigene Entzündungsfaktoren als Insulinantagonisten. I.d.R. werden kaum niedrigere Blutzuckerwerte als 300 mg/dl erreicht. Wird die Insulindosis weiter erhöht, kommt es zur i.d.R.Gegenregulation und die Blutzuckerwerte verschlechtern sich. Punktuell treten - vor allem bei zu hohen Insulindosierungen - auch plötzliche "Abstürze" der Blutzuckerwerte bis zu hypoglykämischen Werten auf. Eine geregelte Einstellung bleibt jedoch unerreichbar.

Cystitiden können auch durch Harngrieß oder -steine verursacht werden. Die winzigen Kristalle haben scharfe Kanten, mit der sie der Blasenschleimhaut mikroskopische Verletzungen zufügen, was Bakterien eine Ansiedlung auf der kranken Schleimhaut erleichtert (Siehe: Was kann man gegen Harnsteine bzw. -kristalle tun?).
Zudem verändern die Keime durch Ihren Stoffwechsel den pH-Wert des Urins derart, dass Kristalle ausfallen können und Harngrieß oder -steine entstehen (Siehe: Was kann man gegen Harnsteine bzw. -kristalle tun?).

Neben Überdosierungen sind vor allem Harnwegsinfekte die häufigste Ursache für erfolglose Therapieversuche beim diabetischen Patienten.



Wie kann der zur Untersuchung nötige Katzenurin gewonnen werden?



Kann es unter Antibiotikatherapie zu Resistenzen und damit zu Rezidiven (Wiederauftreten der Erkrankung) kommen?

Leider ja, und das nicht einmal selten. Es gibt dafür verschiedene Gründe:

Wichtig: Es kommt bei einer Resistenz also nicht darauf an, ob der Patient schon einmal mit dem entsprechenden Antibiotikum behandelt wurde, sondern die Resistenzlage richtet sich allein danach, ob der betreffende Bakterienstamm schon einmal mit dem jeweiligen Wirkstoff in Berührung kam! Deshalb ist es auch für bisher unbehandelte Patienten möglich, sich mit einem multiresistenten Keim zu infizieren, so dass nur wenig Therapieoptionen zur Verfügung stehen.

Die einzige Möglichkeit, Resistenzen bestmöglich zu verhindern, ist die gewissenhafte Einnahme von Antibiotika. Das bedeutet:


Ein verantwortungsvoller Umgang mit diesen Medikamenten ist somit nicht nur im Sinne des Patienten, sondern im Sinne aller Tiere und Menschen.


Wie lange darf eine Antibiotikum-Therapie längstens dauern?

Viele Tierhalter haben - berechtigterweise - Angst, Antibiotika über einen längeren Zeitraum zu verabreichen. Natürlich sollten Antibiotika immer nur streng nach Indikation und so kurz wie möglich eingesetzt werden. Da es aber gerade beim diabetischen Patienten keine andere Möglichkeit gibt, wiederkehrende Harnwegsinfekte zu kurieren, muss die Antibiotikatherapie so lange fortgesetzt werden, bis der Harnwegsinfekt austherapiert ist, nicht selten über mehrere Wochen. Die Nachteile der Medikamentengabe (z.B. leichter Durchfall), muss hier mit dem Nutzen der Therapie (bessere Einstellbarkeit, keine Gefahr von lebensgefährlichen Niereninfektionen) abgewogen werden.


Sind Depot-Antibiotika mit wochenlanger Wirkung sinnvoll?

Das in der Tiermedizin für Katzen bisher einzig zugelassene lang wirksame Antibiotikum ist Convenia, Wirkstoff Cefovecin. Wie der Name schon verrät, ist Convenia (Name in Anlehnung an das englische "convenience", also "Bequemlichkeit, Einfachheit, Komfort") für die Tierhalter sehr bequem. Nur eine einzige Spritze und der Patient ist für ca. zwei Wochen ausreichend mit Antibiotikum versorgt. Keine lästigen Tabletteneingaben, kein Vergessenkönnen... ein scheinbar großer Vorteil für den Tierhalter, der für den Patienten jedoch mit Nachteilen behaftet ist.
Trotzdem wird Convenia inzwischen flächendeckend in der Tiermedizin genutzt. Dabei spielt neben der bequemen Handhabung sicher auch die finanzielle Komponente eine Rolle. Denn Convenia wird als Trockensubstanz geliefert. Diese muss vom Tierarzt erst zu einer gebrauchsfertigen Lösung angemischt werden und ist danach nur noch 28 Tage haltbar. Da Convenia relativ teuer ist, sollte es aus wirtschaftlichen Gründen innerhalb dieser Frist auch aufgebraucht werden.

Doch gerade die lange Wirkungszeit kann für den Patienten nachteilig sein:

Auch wenn gerade bei Convenia die Verlockung groß ist, durch "bequeme" Verschreibungen, zugunsten der einfachen Handhabung und wirtschaftlicher Interessen jede Logik und die Antibiotika-Leitlinie zu ignorieren, empfehlen wir unseren Kunden in jedem Falle ein kurz wirksames, "unbequemeren" Antibiotikum. Man gewinnt damit die Sicherheit, flexibel und zeitnah auf alle Eventualitäten im Verlauf der Erkrankung reagieren zu können.

Kurz wirksame Cephalosporine werden in der Humanmedizin gerne eingesetzt. Man sollte sich deshalb auch die Frage stellen, warum Convenia - trotz der angeblichen Vorteile - in der Humanmedizin keine Anwendung findet. Für Kinder wäre es durchaus bequem und auch Erwachsene vergessen nicht selten die Medikamenteneinnahme... Last but not least sind Medikamentenhersteller i.d.R. an einer humanmedizinischen Zulassung viel mehr interessiert, als an einer tiermedizinischen. Denn die Dosis für einen Menschen ist naturgemäß viel höher, als die einer Katze - was sich auch am Gewinn des Herstellers widerspiegelt..

Achtung: Convenia darf nicht an Tiere mit eingeschränkter Nierenfunktion und nicht in Kombination mit bestimmten Schmerzmitteln oder Entzündungshemmern (Nichtsteroidalen Antiphlogistika, NSAIDs), wie z.B. Metacam, Rimadyl, Onsior oder Tolfedine etc. verabreicht werden. Bitte achten Sie als Tierhalter darauf besonders! Immer wieder beraten wir Patienten in unserer Diabetessprechstunde, bei denen Convenia und ein Nichtsteriodales Antiphlogistikum zur gleichen Zeit zum Einsatz kamen.

Zitat von http://www.vetpharm.uzh.ch/reloader.htm?tak/05000000/00058068.01?inhalt_c.htm

Indikationen
Nur für folgende Infektionen, die eine längere Behandlung erfordern. Die antimikrobielle Wirkungsdauer von Convenia nach einmaliger Injektion beträgt bis zu 14 Tage.
[Hund:...]
Katze:
Zur Behandlung von Wundinfektionen und Abszessen der Haut hervorgerufen durch Pasteurella multocida, Fusobacterium-spp., Bacteroides-spp., Prevotella oralis, ß-haemolytische Streptokokken und/oder Staphylococcus intermedius. Zur Behandlung von Harnwegsinfektionen hervorgerufen durch Escherichia coli.
[...]
Um einer Resistenzentwicklung entgegen zu wirken sollen Cephalosporine der dritten Generation nur zur Behandlung von Infektionen eingesetzt werden, die auf andere Klassen antimikrobiell wirksamer Substanzen oder auf Cephalosporine der ersten Generation schlecht ansprechen. [...]

Wegen der Gefahr einer Akkumulation des Wirkstoffs wird vom Einsatz bei niereninsuffizienten Tieren abgeraten. [...]

Wenn eine allergische Reaktion auftritt, ist die Gabe von Cefovecin einzustellen und eine geeignete Therapie gegen die allergische Reaktion einzuleiten. Schwerwiegende akute Überempfindlichkeitsreaktionen können je nach klinischem Bild eine Behandlung mit Adrenalin oder andere Notfallmaßnahmen erforderlich machen, beispielsweise die Gabe von Sauerstoff, Volumentherapie, Gabe von intravenösen Antihistaminika oder Kortikosteroiden oder das Freihalten der Atemwege. Der behandelnde Tierarzt sollte bedenken, dass die allergischen Symptome nach Beendigung der symptomatischen Therapie wieder aufflammen können.

Vor allem der letzte Satz ist hier von Bedeutung. Ca. zwei Wochen lang, können die Unverträglichkeitsreaktionen immer wieder auftauchen, wenn die symptomatische Therapie beendet wird bzw. die angewandten Mittel ihre Wirksamkeit verlieren. Das ist besonders dann von Bedeutung, wenn ein Patient beim Tierarzt behandelt wurde, die Symptome - vorerst - verschwinden und die Katze wieder mit nach Hause gegeben wird.


Was kann man gegen Harnsteine bzw. -kristalle tun?

Auch Harnsteine (Urolithiasis) gehören zum Symptomkomplex der FLUTD (feline lower urinary tract disease). Häufig treten sie in Kombination mit einer Cystitis auf.

Meist werden Struvit-Kristalle und Kalziumoxalate nachgewiesen.

Gerade bei männlichen Katzen, deren Harnröhre sehr lang und eng ist, können Harnsteine zur lebensbedrohlichen Komplikationen durch zur Verlegung der Harnröhre führen. Ist kein Urinabsatz mehr möglich, handelt es sich stets um einen Notfall! Aber auch weibliche Katzen können betroffen sein. Zum Glück ist diese schwerwiegende Komplikation bei Nassfutterfütterung - wie für feline Diabetiker hier ausschließlich empfohlen - eher selten.

Therapie Struvitkristalle: Ansäuerung des pH-Wertes mittels Futter oder ansäurender Pasten. Da Futter und Pasten in der Regel sehr viel Zucker (Malz) enthalten, haben sich beim Diabetiker ansäurende Tabletten bewährt, z.B. Methazid oder Guardacid). Zwar enthalten auch diese Zucker, aber aufgrund der geringen Menge (kleine Tabletten) sind sie für Diabetiker besser geeignet als andere Produkte.

Bitte verzichten Sie auf ansäuernde Futtermittel, die aufgrund des sehr hohen NfE-Wertes (sehr kohlenhydratreich) für diabetische Patienten NICHT geeignet sind. Zudem können Sie Ihrer Katze beim Einsatz von Tabletten, auch weiterhin eine abwechslungsreiche Kost bieten. Niemand möchte lebenslang nur noch ein und das gleiche Fertiggericht zu sich nehmen - auch Ihre Katze nicht.

Struvitkristalle sind normalerweise weniger hartnäckig als Kalziumoxalate. Der pH-Wert des Urins sollte unter Ansäuerung kontinuierlich (ca. alle vier bis sechs Wochen) überwacht werden. Denn eine Übersäuerung des Urins kann zur Bildung von Kalziumoxalat-Kristallen führen.

Therapie Kalziumoxalate: Kalziumoxalate werden mittels einer kalziumarmen Diät behandelt (Spezialfutter), welches sich leider durch einen für Diabetiker zu hohen NfE-Wert auszeichnet. Das Insulin muss deshalb dementsprechend angepasst werden. Leider lasen die Ergebnisse häufig trotzdem zu wünschen übrig.

Bei Struvitkristallen sollte man immer ansäuern - am besten mit Tabletten.

Sind neben den Kaziumoxalat-Kristallen auch Bakterien nachgewiesen worden, genügt es in vielen Fällen diese erfolgreich zu therapieren (Antibiotikum). Die Kristalle verschwinden häufig zusammen mit der Infektion - bei Kalziumoxalaten auch ohne Spezialfutter. Das gilt besonders, wenn die Kristalle nur in geringen Mengen nachgewiesen werden konnten.

Letzte Änderung 20.12.2016


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