Wie wird Diabetes mellitus diagnostiziert?
Kann der Fructosaminwert auch falsch erhöht oder erniedrigt sein?
Was passiert, wenn bei Falschdiagnose einer gesunden Katze Insulin verabreicht wird?
Was muss bei der Diagnosestellung noch beachtet werden?

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Wie wird Diabetes mellitus diagnostiziert?

Meist fallen dem Tierhalter die typischen Symptome einer Diabeteserkrankung auf. Da diese auch anderen Erkrankungen zugeordnet werden können, ist eine Blutuntersuchung unumgänglich. Dabei sollte die Diagnose nicht aufgrund eines erhöhten Blutzuckerspiegels allein(!) gestellt werden. Denn gerade Katzen sind sehr stressanfällig. Körpereigene Hormone, wie z.B. Adrenalin, sorgen innerhalb von Minuten - über einen erhöhten Cortisolspiegel - für einen drastischen Anstieg des Blutzuckers. Der Besuch beim Tierarzt oder eine Autofahrt können genügen, um diabetesverdächtige Blutzuckerwerte zu erreichen. Man spricht hier von einer "Stresshyperglykämie", die aber nichts mit einer Diabeteserkrankung gemeinsam hat und nicht(!) insulinpflichtig ist. Verringert sich der Stress, fallen auch die Blutzuckerwerte wieder in den Normalbereich - von ganz allein. Wird ein Patient mit Sresshyperglykämie fälschlicherweise als Diabetespatient behandelt, drohen Unterzuckerung und Insulinresistenz. (Siehe auch: Was passiert, wenn bei einer Falschdiagnose einer gesunden Katze Insulin verabreicht wird?

Deshalb ist für eine gesicherte Diabetesdiagnose zwingend ein Langzeitzuckerwert notwendig. Es gibt hierfür zwei Blutparameter, den Fructosaminwert und den HbA1c. Beide geben einen Überblick über die Blutzuckerwerte der letzten Wochen und sind deshalb mit einer kurzzeitigen Erhöhung der Blutglukose durch eine Stresshyperglykämie nicht zu beeinflussen.

Der Fructosaminwert zeigt die Menge der glykierten Serumproteine an. D.h. hier wird gemessen, wie viele Kohlenhydrate chemische Verbindungen mit bestimmten Blutproteinen (z.B. Albumin) eingegangen sind. Ist der Blutzucker sehr hoch, finden sich viele derartige Verbindungen/Fructosamine. Ist er niedrig, können nur wenige Blutproteine reagieren und die Anzahl der Fructosamine bleibt gering.
Der Fructosaminwert berücksichtigt die Blutzuckerkonzentration der letzten 1 bis 3 Wochen.
Er wird vor allem in der Tiermedizin eingesetzt. In der Humanmedizin wird er weniger genutzt. Hier kommt er nur bei Patienten zum Einsatz, deren Hba1c aufgrund einer genetischen Mutation nicht kontrollierbar ist.

Der HbA1c zeigt an, wie viel roter Blutfarbstoff (Hämoglobin) mit der Glukose im Blut eine Verbindung eingegangen ist. Ganz ähnlich wie beim Fructosamin, ist hier der Wert um so höher, je höher die Blutzuckerwerte der letzten Wochen waren.
Im Unterschied zum Fructosaminwert berücksichtigt der HbA1c jedoch den Zeitraum der letzten 6 bis 8 Wochen.
Dieser Wert wird in der Humanmedizin standardmäßig genutzt und wird vor allem in den USA auch in der Tiermedizin als wichtigster Parameter bei der Diabetesdiagnostik herangezogen. In Deutschland ist er in der Tiermediin bisher wenig bekannt.

Ein Diabetes mellitus muss von einer Stresshyperglykämie sicher unterschieden werden! Nur wenn der Fructosamin oder der HbA1c-Wert erhöht sind, kann die Diagnose Diabetes mellitus zweifelsfrei gestellt werden. Ist der Langzeitblutzuckerwert normal, obwohl die Glukose temporär erhöht ist, handelt es sich wahrscheinlich nur um eine Stressreaktion der Katze (Stress-Hyperglykämie), die keiner Insulinbehandlung bedarf.

Auch Ketonkörper im Urin der Katze sind ein wichtiger Hinweis auf eine Diabeteserkrankung. Sind die Ketonkörper erhöht, ist eine Insulintherpaie zwingend indiziert. (Siehe hierzu: Was sind Ketonkörper? Welche Ketonkörper gibt es? Wie misst man Ketonkörper?



Kann der Fructosaminwert auch falsch erhöht oder erniedrigt sein?

Wie fast alle Blutparameter ist auch der Fructosaminwert störanfällig für eventuelle unphysiologische Veränderungen im Organismus.

Fructosamine sind Verbindungen von Blutproteinen und Glukose. Man nennt sie auch glykierte Serumproteine, bzw. proteingebundene Ketoamine. Bei bestimmten Erkrankungen kann der Abbau dieser Proteine schneller vorangetrieben werden, als das normalerweise der Fall ist. So z.B. bei einer Hyperthyreose, die den Stoffwechsel des gesamten Organismus extrem beschleunigt. Auch wenn der Körper aus anderen Gründen weniger Proteine synthetisiert oder diese auf krankhaftem Wege verloren gehen (z.B. Darmerkrankungen), im Blut also eine Hypoproteinämie vorliegt, können die Fructosamine erniedrigt sein. Der Glukose stehen in diesem Falle nicht genügend Bindungspartner zur Verfügung.

Bei Hämolyse und hohen Bilirubinkonzentrationen kommt es dagegen zu falsch erhöhten Werten.

Wikibooks nennt folgende Störanfälligkeiten: (http://de.wikibooks.org/wiki/Innere_Medizin_kk:_fructosamin)

Für eine Kontrolle der Blutzuckereinstellung ist der Fructosaminwert nicht oder nur im Ausnahmefall, wenn kein Homemonitoring durch den Tierhalter stattfinden kann, mit Einschränkungen(!) geeignet. (Siehe hierzu auch: Eignet sich der Fructosaminwert zur Verlaufskontrolle?)

Die zusätzliche Kontrolle der Blutwerte per Homemonitoring durch den Tierhalter für ein bis zwei Tage, ist die sicherste Methode, um die Verdachtsdiagnose Diabetes mellitus zu bestätigen oder auszuschließen.



Was passiert, wenn bei einer Falschdiagnose einer gesunden Katze Insulin verabreicht wird?

Wird einer gesunden Katze aufgrund einer Fehldiagnose Insulin verabreicht, versucht der Organismus zunächst das Insulin zu neutralisieren. Denn ein Zuviel an Insulin kann, in Abhängigkeit von der Dosis, zum Tode des Patienten durch eine Hypoglykämie führen.

Als Folge des Fremdinsulins kann sich die körpereigene Insulinproduktion verringern. Auch die Sensibilität der Zellen für Insulin kann herabgesetzt werden. Die Insulinrezeptoren auf der äußeren Zellmembran werden dazu z. B. ins Zellinnere gezogen (internalisiert) oder sie mutieren derart, dass sie nicht mehr zur chemischen Struktur des Insulins passen und dieses nicht mehr binden kann. Das Insulin "schwimmt" nun wirkungslos im Blut und wird vom Körper abgebaut. Eine Insulinresistenz ist somit entstanden. (Siehe auch: Was versteht man unter einer Gegenregulation?)

Nur wenn das Insulin (hier: gelb) am Rezeptor bindet, kann die Zelle Glucose (blaue Würfel) aufnehmen und Energie daraus gewinnen. Werden die Rezeptoren ins Zellinnere verlagert, kann das Insulin nicht mehr binden. Die Zelle nimmt keine Glukose mehr auf, der Bluzuckerspiegel steigt trotz Insulingabe an.
Dauert die Behandlung an, kann sich im Laufe der Zeit aus dem Gesunden ein insulinpflichtiger Diabetiker entwickeln, da der Körper nicht mehr in der Lage ist selbstständig Insulin zu produzieren.

Was muss bei der Diagnosestellung noch beachtet werden?

Ketonwert:

Gerade schlecht oder noch gar nicht therapierte Diabetiker leiden häufig unter Ketonkörpern bis hin zur lebensbedrohlichen
Ketoazidose. Deshalb gehört die Kontrolle des Ketonwertes unbedingt zur Erstdiagnose. Bei erhöhten Ketonwerten besteht sofortiger Handlungsbedarf! Sollte Ihr Katze an erhöhten Ketonwerten (mehr als 1,0 mmol/l) leiden, lesen Sie bitte zuerst hier weiter: Was kann ich bei erhöhten Ketonkörpern tun?

Urinuntersuchung:

Da Diabetiker ab einem Blutzuckerwert über 200 mg/dl über ihren Urin Glukose ausscheiden, leiden sie oft an Harnwegsinfekten bzw. Blaseninfektionen, die in der Regel völlig symptomfrei verlaufen. Eine sterile Urinabnahme und eine bakteriologische Untersuchung im Labor gehören deshalb unbedingt zur Erstdiagnose. Wird eine Cystitis (Blaseninfektion) nicht erkannt, ist eine befriedigende Einstellung kaum möglich. Denn alle Arten von Entzündungen aktivieren im Körper Stoffe, die als Antagonisten, also Gegenspieler des Insulins wirken.

Zahnkontrolle:

Zahnfragmente (wahrscheinlich abgebrochen mit Wurzelresten) im grünen Kreis verschwinden unter einer dicken Schicht Zahnstein. Am Unterkiefer ist das Zahnfleisch rund um die Zähne entzündet Grüner Kreis: Zahnfleischwucherung, die sich über den darunterliegenden Zahndefekt (FORL) wölbt. Das Zahnfleisch ist stark entzündet - auch über die Zähne hinaus.

Auch die Kontrolle des Zahnstatus ist wichtig. Leidet die Katze an entzündlichen Zahnproblemen (z. B. starke Zahnfleischentzündungen durch FORL, vereiterte oder abgebrochene Zähne mit eröffneter Pulpa), ist eine erfolgreiche Diabetestherapie in der Regel trotz aller Bemühungen unmöglich.
Die durch die Entzündung aktivierten körpereigenen Stoffe wirken als Gegenspieler des Insulins. Eine Zahnsanierung sollte deshalb im Bedarfsfalle nicht auf die Zeit nach(!) der Einstellung verschoben werden, sondern schnellstmöglich erfolgen. Nur bei schlechtem Allgemeinbefinden bzw. Ketoazidosen oder sehr weit fortgeschrittenen Nieren- oder Herzerkrankungen etc. steht die Behandlung der anderen Symptome/Erkrankungen im Vordergrund.

Hyperthyreose/ Schilddrüsenüberfunktion:

Die Kontrolle des T4-Wertes gehört zur Erstdiagnostik. Liegt eine Hyperthyreose vor, muss diese ebenfalls behandelt werden.

Frage nach Corticoiden:

Corticoidgaben können einen Diabetes mellitus auslösen. Manchmal reicht dazu auch schon eine einzige Depotspritze aus. Da Cortison als Insulinantagonist (Gegenspieler) wirkt, kann eine Einstellung unter Cortison schwierig werden. Deshalb ist es wichtig, eventuelle Vorbehandlungen mit Corticoiden in der Anamnese zu erfassen. Corticoide sind für Diabetiker nur in lebensbedrohlichen Ausnahmefällen (z. B. Autoimmunerkrankungen) angezeigt.

Letzte Änderung 29.05.2019


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