Was ist eine Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) und was sind ihre Ursachen?
Welche Symptome treten auf?
Welche Folgen hat eine unbehandelte Hyperthyreose?
Welche Wirstoffe/Medikamente gibt es?
Wie wird eine Hyperthyreose behandelt?
Warum gilt "Diabetes mellitus" in der Tiermedizin als Kontraindikation - in der Humanmedizin jedoch nicht?




Was ist eine Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) und was sind ihre Ursachen?

Hyperthyreose ist eine Schilddrüsenüberfunktion. Aufgrund der Überproduktion von Hormonen (T3 und T4), wird der gesamte Stoffwechsel beschleunigt.

Die häufigste Ursache für die erhöhte Hormonsynthese sind tumoröse Veränderungen an der Schilddrüse. In den meisten Fällen handelt es sich um gutartige Veränderungen, die häufig am Hals tastbar sind.

Ab ca. 8 Jahren erkranken Katzen vermehrt an Hyperthyreose. Das mittlere Alter bei der Diagnose beträgt 13 Jahre.


Welche Symptome treten auf?

Die bei einer Hyperthyreose vermehrt produzierten Schilddrüsenhormone führen zu einer Beschleunigung des Stoffwechsels. Die Patienten wirken wirken nicht krank, sondern im Gegenteil sehr munter. Auffällig wird jedoch eine Gewichtsabnahme bei übermäßiger Nahrungsaufnahme - ähnlich wie beim Diabetes mellitus.


Welche Folgen hat eine unbehandelte Hyperthyreose?

In Folge einer Hyperthyreose kommt es häufig zu einem erhöhten Blutdruck und damit zu krankhaften Veränderungen an anderen Organen:

Durch den erhöhten Blutdruck bei einer Hyperthyreose kommt es häufig zu Schädigungen von Herz und Niere.
WICHTIG: Die Nierenwerte sind erst nach Senkung des T4-Wertes aussagekräftig! Bei noch unzureichend gesenkten T4-Wert kommt es häufig zu falsch erniedrigten Kreatinin- und Harnstoffwerten.
Alle Folgeschäden wie z.B. eine Hypertrophe Kardiomyopathie oder eine Niereninsuffizienz müssen ebenfalls behandelt werden.



Welche Wirkstoffe/Medikamente gibt es?

Die Therapie erfolgt mit einer medikamentösen Hemmung der Schilddrüsenhormonsynthese durch sogenannte Thyreostatika. Hierfür gibt es zwei Wirstoffe:

Bei Katzen hat sich in Studien Carbimazol besser bewährt als Thiamazol. Siehe z.B. "Feline Hyperthyroidism: Spectrum of Clinical Presentations and Response to Carbimazole Therapy" (Sm Anim Clin Endocrinol 11[1]:6 Jan-Apr'01 Clinical Study 0 Refs C.B. Chastain, DVM, MS; Dave Panciera, DVM, MS; Carrie Waters, DVM, PhD Aust Vet J 2000;78:462-465; D.G. Bucknell).
Nebenwirkungen wie Erbrechen oder Durchfall treten unter Carbimazol seltener auf. Darüber hinaus ist Carbimazol einfacher zu verabreichen, da es - anders als Thiamazol - keinen bitteren Geschmack aufweist.

Ähnlich wie beim Diabetes ist die Therapie einer Hyperthyreose sehr individuell. Die Dosis kann nicht am Gewicht des Patienten festgemacht werden, sondern richtet sich nach der Schwere der Erkrankung und dem Ansprechen des Patienten auf das Thyreostatikum. Es ist deshalb oft nötig die Tabletten zu teilen, um die Dosis z.B. um eine viertel Tablette zu erhöhen. Bei einer guten Einstellung sollte der T4-Wert im unteren Drittel des Referenzbereiches liegen.

Leider wurde diese wichtige Tatsache bei der Zulassung des bisher einzigen Carbimazol-Präparats für die Tiermedizin nicht berücksichtigt. Teilbar sind nur die Präparate aus der Humanmedizin. Das tiermedizinische Produkt Vidalta berücksichtigte statt dessen die möglichst einfache Verabreichung durch den Tierhalter. Um diesen eine zweimalige Gabe pro Tag zu ersparen, wurde Vidalta als Retardtablette konzipiert - d.h. sie ist von einem magensäureresistenten Schutzfilm umgeben, der die Wirkstoffe zeitverzögert freisetzt. Sie muss deshalb nun nur noch einmal täglich verabreicht werden - darf aber aufgrund des Schutzfilms NICHT geteilt werden.
Vidalta gibt es in zwei Größen - 10 und 15 mg. Leider ist mit dieser geringen Auswahl nicht bei jeder Katze eine optimale Einstellung möglich.

Humanmedizinische Carbimalzoltabletten sind problemlos teilbar - müssen jedoch zweimal täglich verabreicht werden.
Allerdings sieht auch hier die Kaskadenregelung des Arzneimittelgesetzes vor, bei jedem Therapiestart erst das tiermedizinisch zugelassene, nicht teilbare Vidalta zu verschreiben, bzw. auf die weniger gut verträglichen, tiermedizinisch zugelassenen Thiamazolprodukte auszuweichen. Hier stellt sich somit das gleiche Problem, wie beim Caninsulin; erst nach Scheitern der Therapie mit einem suboptimalen Medikament, bei einem im Gesetz nicht näher definiertem "Therapienotstand" ist eine optimale Behandlung juristisch korrekt. Siehe zum Thema Arzneimittelgesetz auch: Warum wird Katzen immer Caninsulin oder ProZinc verschrieben?

Neu auf dem Markt ist ein Thiamazolprodukt in flüssiger Form mit Honigaroma namens "Thyronorm" von Bayer. Dieses Präparat ist für Tierhalter, denen Tabletteneingaben Schwierigkeiten bereiten, wahrscheinlich besser geeignet als herkömmliche Medikamente. Trotzdem bleiben die häufigeren Nebenwirkungen von Thiamazol im Vergleich zum besser verträglichen Carbimazol bestehen. Bedauerlicherweise hat auch Bayer dem "bewährten Wirkstoff Thiamazol" - wie es in einer Anzeige heißt - verwendet, statt sich am Nutzen für den Patienten zu orientieren und einen Saft mit Carbimazol anzubieten. Ein flüssiges Carbimazol OHNE Retardeffekt wäre eine wirkliche Innovation gewesen!

Carbimazol ist aufgrund eines besseren Nebenwirkungsprofils und des neutralen Geschmacks für Katzen besser geeignet als das in der Tiermedizin weit verbreitete Thiamazol. Leider gibt es nur in der Humanmedizin teilbare Carbimazoltabletten. Das in der Tiermedizin einzig zugelassene Carbimazolprodukt "Vidalta" ist nicht teilbar und somit nicht immer genau genug dosierbar.
Thiamazoltabletten schmecken bitter und sind deshalb oft schwierig zu verabreichen. Neu auf dem Markt ist ein flüssiges Thiamazol mit Honigaroma "Thyronorm". Wünschenswert im Interesse der Patienten wäre statt dessen ein flüssiges Carbimazol gewesen.



Wie wird eine Hyperthyreose behandelt?

Begonnen wird die Therapie mit einer niedrigen Dosierung Thyreostatika. Nach zwei Wochen werden T4 und Nierenwerte erneut überprüft, und die Dosis gegebenenfalls erhöht. Ähnlich wie bei der Insulintherapie tastet man sich langsam an die individuelle, ideale Dosis heran. Eine Kontrolle alle zwei Wochen ist solange ratsam, bis das Ziel der Einstellung erreicht wurde und sich der T4-Wert im unteren Drittel des Referenzbereichs befindet.

Vorsicht! Dieses Ziel sollte nur bei nierengesunden Katzen befolgt werden. Stellt sich heraus, dass sich der Kreatininwert mit der Senkung des T4-Wertes über die Referenz hinaus erhöht, darf der T4-Wert u.U. nicht so stark erniedrigt werden. Hier muss - insbesondere bei bereits stark vorgeschädigten Nieren - häufig mit einem höheren T4 Vorlieb genommen werden. Denn der am besten eingestelle T4-Wert nutzt wenig, wenn der Patient an den in der Folge zu Tage tretenden Nierenproblemen verstirbt.

Liegt der T4-Wert letztlich konstant über den Zeitraum von mindestens zwei Messungen (vier Wochen) im unteren Drittel des Referenzbereichs, können die Kontrollabstände verlängert werden. Da sich im Laufe der Zeit die Schilddrüsenfunktion immer wieder verändern kann, ist eine einmal vorgenommene Einstellung i.d.R. nicht lebenslang stabil. Die Schilddrüsenwerte sollten auch bei gut eingestellten Patienten regelmäßig - ca. alle drei Monate - überprüft werden.

Lässt sich mit Medikamenten alleine kein zufriedenstellendes Ergebnis erzielen, kann u.U. eine Radiojodtherapie (Angeboten z.B. von der Uniklinik Gießen) oder eine operative Entfernung des betroffenen Schilddrüsengewebes in Betracht gezogen werden. Beide Eingriffe bergen jedoch das Risiko einer Überkorrektur, die eine lebenslange Substitution von Schilddrüsenhormonen nötig macht. Auch die Funktion der Schilddrüse beim Calciumstoffwechsel kann beeinträchtigt werden.


Warum gilt "Diabetes mellitus" in der Tiermedizin als Kontraindikation - in der Humanmedizin jedoch nicht?

Liest man sich die Gegenanzeigen für Thyreostatika, fällt auf, dass bei allen Wirkstoffen in der Tiermedizin "Diabetes mellitus" als Kontraindikation im Beipackzettel genannt wird. In den humanmedizinischen Präparaten fehlt dieser Hinweis. Hier wird selbstverständlich auch ein diabetischer Patient bei gleichzeitigem Vorliegen einer Hyperthyreose mit Thyreostatika behandelt. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Die Erklärung ist denkbar einfach. Laut Hersteller, die wir wegen dieser Fragestellung konsultiert haben, kann eine Therapie mit Thyreostatika auch die Insulinwirkung beeinflussen. Die benötigte Insulinmenge sinkt und es kann zur Unterzuckerung kommen. Man geht bei den Herstellern zu recht davon aus, dass auch heute noch die meisten diabetischen Katzen ohne Homemonitoring "blind" über Wochen bis Monate mit Insulin versorgt werden. Nicht selten werden sie von der ersten Injektion an überdosiert. Um sich vor Regressansprüchen abzusichern, wurde die Diabeteserkrankung als Kontraindikation aufgenommen. Dem Patienten wird damit nur die Therapie einer Erkrankung zugebilligt - obwohl beide Erkrankungen ohne Therapie am Ende zwangsweise tötlich verlaufen.
In der Humanmedizin geht man statt dessen selbstverständlich davon aus, dass der diabetische Patient seinen Blutzucker pflichtbewußt täglich mehrmals kontrolliert. Schwankungen werden so rechtzeitig bemerkt und können mittels Dosisänderungen ausgeglichen werden.

Ist eine Hyperthyreose diagnostiziert, sollten im Interesse des Patienten (egal ob Tier oder Mensch) auf jeden Fall beide Erkrankungen parallel behandelt werden. Eine adäquate Blutzuckerkontrolle (mehrmals täglich) ist beim Diabetes immer anzuraten und unter Thyreostatika Voraussetzung. Je früher eine Therapie begonnen wird, um so langfristiger und erfolgreicher ist sie möglich - eine Tatsache, die für beide Erkrankungen gilt.
Eine medizinisch begründbare Kontraindikation für die Behandlung einer Hyperthyreose bei gleichzeitig vorliegendem Diabetes mellitus existiert nicht.
Hieraus ergibt sich jedoch ein möglicher Vorteil für diabetische Patienten: Aufgrund der Kontraindikation aller tiermedizinischer Produkte (siehe jeweiligen Beipackzettel), kommt es zum im Arzneimittelgesetz geforderten "Therapienotstand". Eine Therapie mit tiermedizinischen Präparaten ist lt. Beipackzettel nicht möglich... Somit wäre - vom Gesetzgeber so sicherlich nicht beabsichtigt - die Möglichkeit gegeben, die Therapie eines diabetischen Patienten sofort mit einem besser verträglichen humanmedizinischen Carbimazolprodukt zu beginnen. Denn im humanmedizinischen Beipackzettel ist Diabetes mellitus nicht als Kontraindikation genannt.

Letzte Änderung am 09.01.2017

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