Wie sinnvoll ist ein gutes Schmerzmanagement in der Tiermedizin?

Eines vorab: Wir wissen, dass die Katze oben auf dem Foto gähnt und nicht wie ein Löwe brüllt... allein die Assoziation war zu verlockend... :-)

Zum Thema: Die veraltete Ansicht, dass man Tieren nach Operationen oder bei Verletzungen (z.B. an Gelenken oder Wirbelsäule) keine oder nur eine verringerte Dosis Schmerzmittel verabreichen darf, wird auch heute noch von manchem Tierarzt vertreten. Denn, so die Argumentation, wenn man Tieren eine adäquate Dosis Analgetika gibt, bewegen sich diese zu viel, die Wunden platzen wieder auf und die Heilung wird verzögert.

Diese Aussage entstammt jedoch einem längst veraltetem medizinischen veralteten Wissenstand und gilt heute sogar als tierschutzrelevant!

Zur Erklärung: Es gibt zwei Arten von Nervenfasern - schnell und langsam leitende. Die schnell leitenden Nevenfasern haben einen dickeren Durchmesser und sind von sogenannten "Myelinscheiden", einer isolierenden Ummantelung, umgeben. Diese Myelinscheiden werden in kurzen Abständen jedoch immer wieder unterbrochen. Sie gleichen somit im Aussehen Perlen, die in bestimmten Abständen auf einer Schnur aufgefädelt sind. Ein Schmerzimpuls muss nun jeweils von Abstand zu Abstand springen - und "hüpft" damit schneller, als wenn er "normal" in den dünneren, langsameren Nervenfasern geleitet wird, denen die Myelinscheiden fehlen.

Jeder kann die beiden Schmerzarten, die dadurch entstehen, auch selbst unterscheiden. Der schnell geleitete Schmerz ist der, der in Sekundenbruchteilen wie ein Blitz im Gehirn einschlägt, wenn man sich z.B. verbrennt, schneidet oder nach einer OP unvorsichtig bewegt. Der langsam geleitete Schmerz ist der, der nach Verletzungen zum Brennen oder Pochen des gesamten Wundgebietes führt, also lokal auch nicht mehr so exakt begrenzt zu orten ist. Wenn ein Patient nach der Operation ruhig liegen bleibt, spürt er in der Regel nur den langsamen Schmerz - die Wunde tut weh, pocht und brennt. Auch wenn sich der Patient absolut ruhig verhält, kann er diesen Schmerzen nicht entgehen, sie lassen ihm keine Ruhe und hindern ihn sogar am nächtlichen Schlaf.
Ein schönes Beispiel sind auch Zahnschmerzen. Die ganze Backe pocht... langsamer Schmerz. Ein versehentlicher Biss auf den kaputten Zahn... schneller Schmerz, der wie eine Explosion im Gehirn, jedes Pochen an Intensität weit übertrifft.

Schmerzmittel aller Art können aber immer nur den langsam geleiteten Schmerz ausschalten. D. h. sie sorgen dafür, dass die Wunde nicht mehr brennt und pocht, dass sich der Patient (egal ob Tier oder Mensch) ohne Schmerzen hinlegen kann, solange er sich ruhig verhält und sich nur vorsichtig bewegt. Sie ermöglichen zumindest einen einigermaßen ruhigen Schlaf, der für eine schnelle Rekonvaleszenz sehr wichtig ist. Bewegt sich der Patient aber ungeschickt oder auch nur zu schnell, kann das beste Schmerzmittel ihm die "Explosion im Gehirn", den schnellen Schmerz, nicht ersparen.

Eine gute Analgesie, ist daher nicht weniger wichtig als eine ordnungsgemäße Wundversorgung und Pflege des Patienten. Längst ist erwiesen, dass bei schmerzfreien Patienten weniger Wundheilungsstörungen auftreten. Denn gerade Tiere beginnen sonst oft Verbände zu entfernen, die brennenden Wunden zu belecken und anzuknabbern und sorgen damit immer wieder für neue Keimeintragungen und Infektionen. Eine adäquate Analgesie ist in der modernen Medizin Bestandteil jeder guten Behandlung - völlig egal ob bei Tier oder Mensch!

Auch hierfür gibt es den praktischen Test: Suchen Sie beim nächsten Zahnschmerz bitte keinen Zahnarzt auf sondern nehmen Sie ein möglichst starkes Schmerzmittel ein... und versuchen Sie dann mit dem betreffenden Zahn eine Haselnuss aufzubeißen... :-)

Und: Wenn diese alte, oben geschilderte Theorie recht hätte, dürften z.B. auch Kinder oder Demente keine Schmerzmittel erhalten. Das aber stand in der der Humanmedizin niemals zur Debatte...

Letzte Änderung am 15.10.2016


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